Montag, 16. August 1790

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Ein kleiner Vorgeschmack auf Band 3 meiner Chattenberg Saga erwartet dich hier. Aktuell ist dieses Manuskript noch in der Entstehungsphase und hat über 60k Wörter.

Gefällt dir, was du liest? Das ist nicht die endgültige Version. Das Buch wird am 31. Oktober 2026 erscheinen.

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Ferron

Ferron stand vor dem Fenster seines Arbeitszimmers und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er starrte in den Himmel. Aus westlicher Richtung zogen Schleierwolken heran. Es war der Verdienst der Luft- und Wassermagier, denn über Chattenberg hatte er lange keine Wolken mehr gesehen. Doch die Schwalben drehten noch viel zu hoch ihre Kreise, als dass er bald mit dem lebensspendenden Regen rechnete. Es klopfte an der Holztür und er zuckte zusammen. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben und er drehte sich um. „Herein.“ Glanderas scheuer Gesichtsausdruck wurde warm, sobald sich ihre Blicke trafen. Als er in ihre großen, braunen Augen sah, schlug sein Herz höher. Sie war die Frau seines Lebens und er dankte Allah jeden Tag dafür, dass er sie gefunden hatte.

„Guten Morgen, Meister Ferron.“

„Guten Morgen, Akolythin Glandera. Bitte setz dich, wir haben einiges zu besprechen.“ Seine Stimme klang förmlicher, als beabsichtigt, und er räusperte sich. Wie gern hätte er sie in seine Arme gezogen, doch in der Rolle als ihr Meister wahrte er Abstand.

„Du schaust so ernst. Was ist passiert?“

Ferron ging zum Besucherstuhl und hielt dessen Lehne, bis sie sich setzte. „Nichts. Ich habe lediglich viel im Kopf und habe mich entschlossen, Verantwortung abzugeben.“

Sie starrte auf ihren Zeigefinger und rieb über die Stelle, an der sonst der Meisterring von Terrasia steckte. „War das der Grund, weshalb ich Dienstag nicht länger beim Kollegium Arkanum dabei sein durfte?“

Einen Moment hielt er inne. Nereidas Anweisung war unmissverständlich: Glandera durfte keine Details über seinen Einsatz erfahren. „Nein, ich möchte mit dir über die Goldmine sprechen.“ Ferron ging um den Schreibtisch herum und setzte sich ebenfalls. „Dass wir die Goldgewinnung in Chattenberg ohne Unterbrechung fortführen konnten, war dein Verdienst. Du kennst das Areal ebenso gut wie ich und warst mit den Minenarbeitern unter Tage. Mit der Vorarbeiterin bist du sogar befreundet. Daher wollte ich dich fragen, ob du die Leitung übernehmen möchtest?“

„Ich soll die Mine leiten?“ Ihr Gesicht erhellte sich. „Ja, sehr gern. Ich fühle mich geehrt.“

„Du erledigst deine Arbeit sorgfältig. Die Aufgabe wird dir leichtfallen.“

„Danke für dein Vertrauen.“ Glandera griff nach dem Amulett, das an ihrer Halskette hing.

„Du kannst mich jederzeit um Rat fragen.“ Es fiel Ferron schwer, seine Stimme sanft klingen zu lassen. Glandera ließ das Artefakt los und strich sich eine Strähne ihres dunklen Haars hinters Ohr. Ihm wurde warm ums Herz. Wie gern würde ich ihren Hals mit Küssen überhäufen.

„Wieso hast du den Meisterring abgezogen?“

Glandera streckte die Hand nach vorn. „Morgen besuchen Dorianna und ich meine Mutter. Dieser Klunker würde sie nur ablenken.“

„Du bist dir sicher, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist?“

„Ja, ich will ihr nicht länger verheimlichen, dass ich eine Erdmagierin bin. Nur …“ Glandera stockte. „Ich mache mir Sorgen, wie es Gladis aufnehmen wird.“

„Verständlich.“

„Hoffentlich behält Dorianna recht und Großmutter erinnert sich an sie.“

„Ich werde in Gedanken bei dir sein. Wie weit bist du mit der Enzyklopädie?“

„Ich habe Kapitel 4.3 über die Ruhezeiten der Magierakademie durchgelesen“, antwortete sie ihm mit sanfter Stimme. „Du kannst mich abfragen.“

„Das werde ich nicht tun.“

Einen Moment starrte Glandera ihn an. „Du sagtest doch, ich solle den Text rezitieren.“

„Ja, doch heute bin ich mir sicher, dass du deine Grenzen kennst. Es wäre töricht, mich noch einmal zu enttäuschen und vorzugeben, du wüsstest, was darin steht.“ Ferron warf ihr einen ernsten Blick zu. „Die Zeit können wir uns sparen. Ich muss einen Einsatz vorbereiten und einige komplizierte Berechnungen erstellen. Vergangene Woche ist viel liegengeblieben.“

Ihre Unterlippe schob sich nach vorn. „Möchtest du, dass ich gehe?“

Das Glas klirrte leise, als Ferron das Tintenfass öffnete. Er tauchte seine Schreibfeder hinein und starrte auf das weiße Blatt Papier. Der bevorstehende Einsatz musste bis ins Detail geplant werden. „Wenn du nur meine Akolythin wärst, würde ich zustimmen, doch du bist die Frau, die ich liebe, und auf die ich mein ganzes Leben gewartet habe. Ich möchte dich immer in meiner Nähe haben.“ Ferron atmete tief durch, doch seine Anspannung löste sich nicht. „Du hast die Lektion abgeschlossen. Ich werde dir Terrasias Kristalle sofort bringen lassen, damit du in deinem Zimmer arbeiten kannst.“

Glandera stand auf und ging um seinen Schreibtisch herum. Mit den Fingerspitzen kämmte sie durch sein kurzes, dunkelbraunes Haar. „Du hast mir gesagt, dass du keine Geheimnisse vor mir hast. Erzählst du mir, was dich so bedrückt?“

Mit geschlossenen Lidern genoss er ihre Berührung. Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Wir könnten sie wirklich besser nutzen. Es zog in seinen Lenden. „Hab Geduld“, flüsterte er und öffnete die Augen. Innerlich fluchte er, da er die feinen Nuancen in seiner Stimme vor ihr nicht verstecken konnte.

Ihre Lippen waren warm und weich, als sie ihn küsste. „Du findest mich in meinem Zimmer.“

Seine Mundwinkel zogen sich nach oben. Die Bemerkung wäre unnötig gewesen. Über den Armreif konnte er immer ihre Position ausmachen. Sehnsüchtig sah er ihr hinterher, bis die Tür ins Schloss fiel.

 

 

Feine blauviolette Linien schwebten in Ferrons Arbeitszimmer. Nur die Säulen störten in der dreidimensionalen Darstellung des Machu Picchu. Die Erscheinung ermöglichte es ihm, den zweihundert Kilometer breiten Landschaftsbereich besser zu visualisieren. Ferron starrte auf die Stelle, an der die vier Kontinentalplatten aufeinandertrafen und eine X-Form bildeten. „Warum mussten die Inkas ihre Kultstätten ausgerechnet auf dieser Verwerfung errichten?“, fluchte er laut. Er konnte den Druck fühlen, der sich dort aufgebaut hatte und nur darauf wartete, in einem gewaltigen Erdbeben entladen zu werden. Gern würde er die Bevölkerung vor der Erschütterung evakuieren, doch aus jahrhundertelanger Erfahrung wusste er, dass auch dem Tode geweihte Menschen ihre Heiligtümer nicht verließen. Es war den Magiern nicht möglich, Millionen Männer, Frauen und Kinder durch Portale in entfernte Gebiete umzusiedeln. Eines war sicher: Wenn er scheiterte, würden Tausende sterben.

Unruhig lief er im Zimmer umher. Nereida hatte ihm aufgetragen, seinen Körper vor dem Einsatz an die Höhenlage zu gewöhnen. Es würde ihm schwerfallen, die Nacht nicht wie gewohnt in seiner Höhle zu verbringen. Einige Kollegen hatten bereits damit angefangen, Edelsteine und Kristallstufen an den Ort seines Wirkens zu bringen – doch er wusste nicht, wie viel Energie diese abgaben. Dazu müsste er Glandera fragen, und seinen Einsatz erklären.

Ferron drückte mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel zusammen. Der Gedanke, dass sie ihn nie wiedersehen würde, ließ ihn frösteln. Er hatte ihre Reinkarnation gerade erst wiedergefunden. Wenn er starb, würde er sie unausgebildet und allein zurücklassen. Sie war zu stark, um daran zu zerbrechen, und Concetto hatte ihm versprochen, sich um sie zu kümmern, doch wie viele Jahrzehnte würde es dauern, bis die Magier seine Inkarnation in einem neuen Körper wiederfanden? Ihm wurde übel. Er durfte nicht scheitern.

Das Klopfen an seiner Zimmertür riss den Erdmagier aus seinen Gedanken. Schnell ließ er die magische Darstellung verblassen, bevor Glandera eintrat.

„Kommst du mit zum Mittagessen?“

„Ist es schon so spät?“, fragte er und nestelte an seiner Brusttasche. Er sah auf die Taschenuhr und erschrak.

„Es hat vor zehn Minuten Mittag geschlagen. Du siehst müde aus. Woran hast du gearbeitet?“

„Kalkulationen. Sie sind anstrengend“, wich er ihrer Frage aus. „Was hast du studiert?“

Glandera zog die Augenbrauen zusammen. „Levitos brachte mir Terrasias Kristalle. Ich habe sie untersucht, um deren Wirkung zu erspüren. Aber ich kann einfach nicht hineintauchen. Hast du eine Idee, wie ich anfangen soll?“

Ferron strich sich über die kurzen, dunklen Haare. Wie konnte ich so vergesslich sein? Natürlich hat sie die Steine studiert. „Du bist die Kristallmagierin und hast eine intuitive Gabe. Für mich als Metallmagier ist das viel schwieriger.“ Magisch öffnete Ferron die Tür in den Garten und sie traten ins Freie. Die Hitze flirrte nicht mehr in der Luft. „Als Terrasias Schüler hatte ich stets das Gefühl, sie hielt ihr Wissen zurück. Dabei war eine Ahnin eine Meisterin der Gesteinskunde. Ich bezweifle, dass sie mir alles beigebracht hatte, als sie meine Ausbildung für beendet erklärte. Doch soviel ich weiß, bist du entweder bislang nicht so weit, wenn du den Stein nicht lesen kannst, oder du wirkst in der falschen Reihenfolge. Du wirst verschiedene Ansätze ausprobieren müssen, bis es dir gelingt.“

Arminio

In Sizilien dämmerte es. Nachdem Arminio den letzten Teller abgetrocknet und im Küchenschrank aufgeräumt hatte, drehte er sich zu seinem Vater um. Concetto wischte mit dem Handtuch über die Spüle und hängte es auf. Nach dem Abendessen war seine Mutter mit seinen Schwestern zum Abendspaziergang auf dem Ätna aufgebrochen und Furio trieb sich wieder herum. Magisch vergewisserte er sich, dass sich niemand in Hörreichweite befand. „Etwas hat sich verändert, seitdem wir die letzten Male bei Großmutter waren.“

Concetto drehte sich zu ihm um und hob das Kinn. Keinem anderen wäre aufgefallen, dass er seine Schultern straffte. „Das stimmt.“

Arminio hob die Augenbrauen.

„Du bist aufgrund deiner hervorragenden Beobachtungsgabe Capitano geworden und wir sind uns zu ähnlich, um dir etwas vorzumachen. Also gab ich mir keine Mühe, es vor dir zu verstecken.“

„Woher der Sinneswandel?“

„Das kann ich dir nicht erzählen.“

Arminio blies die Backen auf und antwortete mit einer abweisenden Handbewegung. „Jahrelang habe ich vor ihrer Tür gewartet, bis du ihr Gefängnis verlässt. Keiner sonst kennt ihren Aufenthaltsort. Und doch vertraust du mir nicht genug, dass ich erfahre, was sich geändert hat?“

„Deine Mutter ist seit ein paar Tagen eingeweiht“, korrigierte ihn Concetto.

Arminios Augen wurden schmal. Er legte den Kopf schräg und wartete ab. Es war dieselbe Strategie, die auch sein Vater bei Verhören anwandte, daher war es nur eine Frage der Zeit, wer nachgab. Concettos Kiefermuskeln spannten sich an. Seine Gesichtsfarbe nahm einen rötlichen Ton an und er schluckte hart, bevor er weitersprach: „Aset prophezeite, dass Ferron beim nächsten Einsatz sterben wird, wenn wir nicht aufpassen.“

„Merda“, flüsterte Arminio und eilte zu seinem Vater. Concetto zog ihn an sich und versteckte seinen Kopf in der Halsbeuge. In Arminios Brust zog sich alles zusammen, doch er erlaubte sich nicht, selbst schwach zu werden. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es wäre, einen Freund zu verlieren. Ferron war mehr – ein Familienmitglied, dass sein Vater seit über zweihundert Jahren kannte. Der Bruder, den Concetto nie hatte. Es wurde nass an seinem Hals. Arminio hatte das Familienoberhaupt zuletzt weinen sehen, als seine Schwester Gioconda geboren wurde. Diese Situation war ihm fremd. Er ließ ihm Zeit und erst als die Kirche zur vollen Stunde schlug, hob sein Vater den Kopf. Schnell drehte er sein Gesicht weg, holte ein Taschentuch aus der Hose und putzte sich die Nase. „Das erklärt die vielen Vorbereitungen in der Akademie. Besteht denn überhaupt keine Hoffnung?“

„Noch ist das Schicksal nicht abgewendet und ich kann mit niemandem darüber sprechen.“

„Man würde dich nach deiner Quelle fragen“, stellte Arminio fest.

Concettos drehte sich um. „Exakt. Deshalb schöpfe ich alle Mittel aus, die mir zur Verfügung stehen, während ich vorgebe, mein Leben wie gewohnt weiterzuführen.“

„Wie kann ich dir dabei helfen?“

Sein Vater atmete tief durch und starrte auf den Boden. Als er den Blick hob, war bis auf die roten Augen nichts mehr von seiner Schwäche zu sehen. „Ich werde dich informieren, wenn etwas ansteht.“ Er straffte die Schultern. „Bis dahin möchte ich, dass du dir von Mutter das Ende der Magierkriege erzählen lässt.“

Arminio hob die Arme und streckte die Hände zur Seite. „Aber ich kenne die Chronologie. Behandle mich nicht wie einen Schuljungen.“

„Keine Widerrede.“ Concetto hob sein Kinn und starrte ihn an, bis Arminio schließlich sein Haupt senkte. Dann drehte er sich um und ging in sein Arbeitszimmer.

Arminio sah ihm hinterher. Ferrons Prophezeiung erklärte, warum sich sein Vater solche Sorgen machte, doch nicht, warum er plötzlich so freundlich zu Aset war. Wieder einmal hatte er geschickt das Thema gelenkt und Arminio fragte sich, was sein Vater weiterhin vor ihm verheimlichte.

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